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Stadttheater Aschaffenburg: Dalberg Luther 2017 Jahresprogramm

Aschaffenburg – Residenzstadt um 1800

Großherzog Carl Theodor von Dalberg, Tafelbild von Franz Stirnbrand, 1812 © Historisches Museum Frankfurt, Foto: Horst Ziegenfusz

Durch den Bau der mittelalterlichen Burg in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts entwickelte sich Aschaffenburg nach und nach zur wichtigsten Nebenresidenz der Erzbischöfe von Mainz und war in den Jahrzehnten um 1600 sogar Hauptresidenz. Ansonsten dienten Burg bzw. Schloß ihnen als hauptsächlich zum Winter- und erst ab der Mitte des 18. Jahrhunderts zum Sommeraufenthalt. Auch künftige Kaiser hielten sich im Schloß auf und warteten dort das nicht überraschende Ergebnis ihrer in Frankfurt durchgeführten Wahl ab. Als die Kathedralstadt Mainz 1797 aufgrund des Friedens von Campo Formio für mehr als anderthalb Jahrzehnte an Frankreich fiel, erlangte Aschaffenburg schließlich den Rang als Hauptresidenz des restlichen Erzstiftes Mainz.

Für die damit verbundenen repräsentative Funktion war die Stadt mit dem stattlichen Renaissanceschloß sowie herrschaftlichen Gebäuden wie beispielweise dem Schönborner und dem Osteiner Hof gut ausgestattet. Auch die im Vierteljahrhundert zuvor im englischen Stil angelegten Parkanlagen Fasanerie, Schöntal und Schönbusch trugen zu diesem Charakter bei. Mit dem seit dem seit Jahrhunderten bestehenden Vizedomamt gab es in der etwa 6000 Einwohner zählenden Stadt eine mit Juristen besetzte Mittelbehörde, in der Verwaltungswissen angesiedelt war. Der Umzug des gesamten Regierungsapparates von Mainz nach Aschaffenburg machte die Stadt schließlich zu einer vollständigen Residenz, in der neben dem seit rund 100 Jahren hier gelagerten Reichskammergerichtsarchiv nun auch jene dem Erzbischof in Mainz unterstehenden Archive untergebracht wurden. Ebenso wurde die erzbischöfliche Privatbibliothek, welche den Grundstock der heutigen Hofbibliothek bildet, von ihrem Betreuer, dem Schriftsteller Wilhelm Heinse (1746-1803) nach Aschaffenburg gebracht.

Mit den Verwaltungsbeamten kamen auch ihre Familien nach Aschaffenburg, was dazu führte, daß Wohnraum in der Stadt knapp und deshalb zeitweise zwangsbewirtschaftet wurde. Aufgrund dieser Gegebenheiten wurden neue Häuser in der Stadt gebaut und beispielsweise die Karlstraße neu angelegt. Der aus Lissabon stammende und 1798-1804 in Aschaffenburg lebende Hofarchitekt Emanuel Joseph von Herigoyen (1746-1817), welcher 1782 den Schönbusch mit Bauwerken ausgestattet und den Nilkheimer Hof errichtet hatte, wurde mit diesen Aufgaben betraut. Gebäude in Dalberg-, Karl- und Steingasse lassen noch heute Herigoyens Wirken erkennen.

Zwei Reisende, welche Aschaffenburg im Sommer 1799 nach einander besuchten, äußerten sich über die Stadt höchst unterschiedlich. Der Reiseschriftsteller Carl Gottlob Küttner, dem die Parkanlagen gefielen, war von ihr enttäuscht: „Die Stadt ist weder schön, noch bedeutend, und die Gegend umher ganz und gar nicht das, was ich nach einigen Beschreibungen, die ich davon gelesen habe, erwartete.“ Wenige Wochen zuvor hatte der vormalige sachsen-weimarische Beamte Christian Friedrich Gottlob Thon hingegen geschrieben: „Die Stadt zeigt sich in der Ferne mit ihren schönen und egalen Thürmen weit schöner als Würzburg, ist aber kleiner als diese, und auch nicht viel besser gepflastert. Das Schloß ist eins der schönsten, die mein Auge sah, und man weiß wirklich nicht, ob man dem hiesigen oder dem Würzburger den Vorzug geben soll. Das Aschaffenburger liegt schöner, und man genießt von demselben die romantischste Aussicht auf den Mainfluß und auf die umliegende schöne Landschaft“.

Die Verlegung der gesamten Verwaltung von Mainz nach Aschaffenburg war der Anfang vom Ende des Erzstiftes Mainz. Erzbischof Friedrich Carl Joseph (1719-1802), der als solcher zugleich Erzkanzler und Kurfürst des Reiches war, sollte nicht mehr in seine Kathedralstadt Mainz zurückkehren. Nahezu machtlos mußte er in Aschaffenburg die poltischen Gegebenheiten hinnehmen, ehe er im Schloß starb. Sein Nachfolger, Erzbischof und Kurfürst Carl (1744-1817), war nur noch wenige Monate, wenigstens dem Namen nach, Erzbischof von Mainz, denn bereits im Frühjahr 1803 wurde sein Erbischofssitz nach Regensburg verlegt. Zugleich wurde das Erzstift Mainz auch reichsrechtlich aufgelöst. Erzbischof Carl wurde mit den Fürstentümern Aschaffenburg und Regensburg sowie der Grafschaft Wetzlar neu ausgestattet; er beabsichtigte, im Sommer in Aschaffenburg und im Winter in Regensburg zu residieren. Dieser Erzkanzlerische Kurstaat wurde im Laufe nicht einmal eines Jahrzehnts durch verschiedene Gebietsveränderungen – 1806 kam beispielsweise die bisherige Reichsstadt Frankfurt hinzu – zunächst in den Fürstprimatischen Staat und dann in das Großherzogtum Frankfurt umgewandelt. So wurde aus Erzbischof Carl von Mainz, der dem reichsfreiherrlichen Geschlecht Dalberg angehörte, schließlich 1810 Großherzog Carl von Frankfurt.

Als junger Mann hatte Carl von Dalberg, der für die geistliche Laufbahn bestimmt war, in Heidelberg, Mainz und Pavia Rechtswissenschaften studiert. Anfang 1765 trat er in den Dienst des Erzstiftes Mainz und erwies sich bald als kritischer und reformfreudiger Verwaltungsbeamter. 1771 wurde er zum mainzischen Statthalter in Erfurt ernannt, was er 30 Jahre lang blieb. Während dieser Zeit trat er in freundschaftliche Beziehungen u. a. zu Goethe, Humboldt und Schiller. 1787 wurde er zum Coadjutor des Erzbischofs von Mainz und 1788 zu dem des Fürstbischofs von Konstanz gewählt und 1800 dessen Nachfolger als Reichsfürst.

In Erfurt erprobte Reformen wandte Aschaffenburgs Landesherr ab 1802 auch in seinem Staat an. So förderte er beispielsweise das Schul- und Bildungswesen im Fürstentum Aschaffenburg auf allen Ebenen. Professoren der Universität Mainz, die nach Aschaffenburg gekommen waren, wo sie zunächst privat Vorlesungen gehalten hatte, schuf er durch die 1808 gestiftete Hochschule eine neue Heimstatt. Seine Unterstützung erfuhr ebenso die 1810 gegründete Musikschule sowie das im folgenden Jahr eröffnete Theater. Diese in der ehemaligen Niederlassung des Deutschen Ordens eingerichtete repräsentative Spielstätte löste den bisher für Aufführungen unterschiedlicher Art genutzten Saal im Gasthof zum römischen Kaiser und den außerhalb der Stadtmauer vor dem Karlstor gelegenen Sattigsche Saal ab.

Im neuen Theater wirkte auch der in Würzburg geborenen Komponist Johann Franz Xaver Sterkel (1750-1817), der von Erzbischof und Kurfürst Friedrich Carl Joseph gefördert und 1793 zum Hofmusikdirektor ernannt worden war. Als die Hofkapelle 1798 beurlaubt wurde, begab sich Sterkel in seine Vaterstadt. Nach dem Regierungsantritt Erzbischof Carl ging er zu diesem nach Regensburg. Als Regensburg bayerisch geworden war, kehrte Sterkel 1810 an den Hof des nunmehrigen Großherzogs Carl nach Aschaffenburg zurück. Unter Sterkel erlebte das Aschaffenburger Theater in musikalischer Hinsicht eine glanzvolle Zeit.

Einige Zeit vor der Völkerschlacht bei Leipzig, die zum Ende der französischen Vormacht in Europa führte, verließ Großherzog Carl am 30. September 1813 Aschaffenburg und begab sich in sein Bistum Konstanz, wo er schließlich als Landesherr zurücktrat. Durch die Abreise des Großherzogs verlor Aschaffenburg seine mehrere Jahre währende glanzvolle Stellung als Residenzstadt. Mit der 1814 erfolgten Angliederung des Fürstentums Aschaffenburg an Bayern begann für die Stadt ein jahrzehntelanger Niedergang, an dem auch die im öffentlichen Bewußtsein immer noch verklärten Aufenthalte des Kronprinzen bzw. Königs ludwig I. nichts änderten. Erst mit dem Anschluß Aschaffenburgs an das deutsche Eisenbahnnetz 1854 begann ein neuer Aufschwung.

Dr. Hans-Bernd Spies
Leiter des Stadt- und Stiftsarchivs Aschaffenburg