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Stadttheater Aschaffenburg: Dalberg Luther 2017 Jahresprogramm

Luthers 95 Thesen in Aschaffenburg

Der Briefwechsel zwischen Martin Luther und Kardinal Albrecht von Brandenburg

Martin Luther. Gemälde von Lucas Cranach der Ältere, 1529

Albrecht von Brandenburg. Gemälde von Lucas Cranach der Ältere, nach 1529

Martin Luther schickte vor 500 Jahren, am 31. Oktober 1517, einen Brief nach Aschaffenburg an Albrecht von Brandenburg, worin er seine Bedenken über die Praxis des kirchlichen Ablasswesens erstmals vortrug. Dem Schreiben legte er die berühmten 95 Thesen bei. Als Erzbischof von Magdeburg war Albrecht von Brandenburg Luthers höchster kirchlicher Vorgesetzter. Während Luther diesem Umstand in den Titulierungen des Briefs Rechnung trug, formulierte er seine theologisch-seelsorgerischen Bedenken umso offener. In seinem Schreiben lehnte Luther den Ablass noch nicht grundsätzlich ab, vielmehr wandte er sich gegen die von Albrecht erlassenen Instruktionen für die Prediger zur Organisation des Ablasshandels und machte darauf aufmerksam, dass den Laien in den Predigten ein falsches Verständnis vermittelt würde, indem man sie glauben mache, dass allein der Kauf eines Ablassbriefs von Schuld und Sünden befreie, die Seelen der Verstorbenen von ihren Strafen aus dem Fegefeuer erlöse und somit tätige Reue und Buße zu Lebzeiten unnötig würden. Dem Erzbischof selbst würde dadurch eine schwere Last auferlegt, für die er dereinst Rechenschaft abzulegen habe.

Ein weiterer Kritikpunkt Luthers war, dass sich das Interesse der Bischöfe ausschließlich auf die Erteilung des Ablasses anstatt auf die Verkündigung des Evangeliums als zentrale Glaubensgrundlage richte. Zugunsten des einträglichen Ablassgeschäfts würde verschwiegen, dass allein Werke der Frömmigkeit und Liebe zur Erlangung des Seelenheils führten. Denn Christus habe nicht die Predigt des Ablasses, sondern die Lehre des Evangeliums befohlen. Für seine Argumentation führte Luther mehrere Bibelstellen an – im Gegensatz zur erzbischöflichen „Instructio summaria“, die gänzlich auf die Nennung der Bibel verzichtete. Seiner Bitte an Erzbischof Albrecht diese Dienstanweisung zurückzunehmen, fügte Luther die unmissverständliche Warnung hinzu, dass andernfalls „jemand aufsteht und etwas veröffentlicht, was jene Prediger und jenes Buch widerlegt“. Dass er diese Widerlegung aber bereits selbst in seinen dem Brief beigelegten 95 Thesen verfasst hatte, betonte er nicht eigens.

Kardinal Albrecht beantwortete Luthers Brief nicht. Statt sich auf eine theologische Auseinandersetzung einzulassen, worauf Luther gehofft hatte, leitete er die Thesen und alle weiteren Unterlagen an die Mainzer Fakultät, die dann den Vorgang nach Rom sandte. Und im Dezember 1517 verwies Albrecht seine Magdeburger Räte auf den „giftigen Irrthumb“, in welchem sich der „vermessen Monich zew Wittenberg“ befände, weshalb er zum Schweigen gebracht werden solle.

Nachdem im Juni 1518 der Ketzerprozess gegen Martin Luther eröffnet worden war, folgten zwei Jahre später die Androhung des päpstlichen Banns und im Januar 1521 die Exkommunikation, nachdem Luther sich geweigert hatte seine Kritik an der Kirche zu widerrufen. Zum gleichen Zeitpunkt kamen der neu gewählte Kaiser Karl V. und die Reichsstände zum Reichstag in Worms zusammen, wo unter anderem die Beschwerden gegen die römische Kirche verhandelt werden sollten. Auch die „Luthersache“ stand zur Debatte, sollte doch dem päpstlichen Bann die kaiserliche Acht folgen. Luther war mit der Zusicherung freien Geleits nach Worms eingeladen worden, weil sein Landesherr, Kurfürst Friedrich der Weise, darauf bestanden hatte ihn vor seiner Verurteilung anzuhören. Das Gespräch am Wormser Reichstag brachte jedoch keine Einigung. Stattdessen erließ der Kaiser nach Luthers Abreise die als Wormser Edikt bekannt gewordene Reichsacht gegen den Reformator und seine Anhänger.

Der Mainzer Erzbischof Albrecht von Brandenburg hatte seit 1520 die lutherische Bewegung in seinem Bistum geduldet und war deshalb in die päpstliche Kritik geraten. - Der Briefwechsel zwischen Luther und Albrecht zeugt bis in die Mitte der 1520er-Jahre hinein von einer abwartend-ausweichenden Haltung des Kardinals gegenüber dem populären Mönch. -  Am 4. Februar 1520 hatte Luther sich ein weiteres Mal an Albrecht gewandt und seine Überzeugungen verteidigt. Der Erzbischof antwortete nur drei Wochen später, was wohl mit dem Bekanntheitsgrad des inzwischen berühmt gewordenen Mönchs zusammenhing. In seinem Schreiben betonte Albrecht seine Freude über Luthers Bereitschaft zur Belehrung, ließ ihn aber wissen, dass er die Schriften noch nicht kenne und sie deshalb weder gutheißen noch missbilligen könne. Er überlasse sie dem Urteil der Kurie. Es bestehe jedoch die Gefahr, dass das unwissende Volk durch Luthers Thesen in seinem Glauben wankelmütig und zu Ungehorsam verleitet würde. Deshalb forderte er von Luther Gehorsam gegenüber der Kirche. 

Nach Luthers Exkommunikation war Albrecht von Brandenburg gemeinsam mit den Nuntien Caracciolo und Aleander und dem Theologieprofessor Johann Eck beauftragt worden den päpstlichen Bann gegen Luther zu vollstrecken. Für seine Territorien verweigerte Albrecht jedoch die Verbreitung der Bannbulle wie die Unterzeichnung und den Druck des Wormser Edikts. Er verlangte sogar die Nennung aller geistlichen Kurfürsten und Erzbischöfe in der Bulle, damit sich der „grimmige Haß aller Deutschen“ nicht allein auf ihn konzentriere.

In seinem nächsten Brief an den Erzbischof vom 1. Dezember 1521 verzichtete der von Albrecht enttäuschte Luther auf die angemessene untertänige Anrede und ging zum Angriff über. Unter Verweis auf mehrere Stellen im Neuen Testament klagte er Albrecht der Fortsetzung des Ablasshandels an. Konkret bezog er sich auf den Ablass im Rahmen der Heiltumsweisung in Halle, wo die weithin berühmte, fast 20.000 Reliquien in über 300 kostbaren Reliquiaren umfassende Sammlung des Kardinals Tausende von Gläubigen anzog. Luther warnte – ganz in Anlehnung an die Bibel – zum dritten und letzten Mal und drohte mit der Veröffentlichung seiner gegen Albrecht gerichteten Schrift „Wider den Abgott zu Halle“, falls dieser nicht binnen 14 Tagen antwortete. Die Reaktion Albrechts vom 21. Dezember 1521 fiel überraschend demutsvoll aus, bezeichnete er sich doch selbst als armen, irrenden Sünder, der ohne die Gnade Gottes nichts sei als „ein unnützer, stinkender Kot“. Im Hintergrund beratschlagten gleichzeitig Melanchthon und Wolfgang Capito über das weitere Vorgehen. Capito setzte dabei auf seine Möglichkeiten zur Einflussnahme auf den Erzbischof zugunsten der reformatorischen Ideen, solange dieser nicht weiter herausgefordert würde.

Einen letzten Versuch, Albrecht auf die Seite der Reformation zu ziehen, unternahm Luther am 2. Juni 1525, kurz vor seiner Heirat mit Katharina von Bora. Er forderte Albrecht auf mit gutem Beispiel voranzugehen, den geistlichen Stand aufzugeben und in den gottgewollten Stand der Ehe zu treten. Nicht zuletzt im Wissen um Albrechts eheähnlicher Beziehungen erhoffte sich Luther von einem solchen Schritt des einflussreichsten deutschen Kirchenfürsten eine Beruhigung der angespannten Situation im Reich sowie eine Signalwirkung für die Reformation. 

Stephanie Haberer

Zuerst veröffentlicht in Riepertinger, Rainhard / Brockhoff, Evamaria u.a. (Hrsg.): Das Rätsel Grünewald. Haus der Bayerischen Geschichte. Katalog zur Bayerischen Landesausstellung 2002/03 in Aschaffenburg im Schloss Johannisburg, S. 239-242 (leicht geändert).