#Theater setzt Themen

Stadttheater Aschaffenburg

Was ist Wahrheit?

Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf.
Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!

Bertolt Brecht (aus „Das Leben des Galilei“)

 

Seit Donald Trumps erster Amtszeit als US-Präsident ist das Phänomen „alternative Fakten“ aus der Politik nicht mehr wegzudenken – wir erinnern uns: Trumps damalige Beraterin Kellyanne Conway verwendete diesen Begriff im Rahmen der Diskussion um die Zuschauerzahlen zur Amtseinführung. Vincent F. Hendricks und Mads Vestergaard stellen in ihrem Aufsatz „Verlorene Wirklichkeit? An der Schwelle zur postfaktischen Demokratie“ die absolut berechtigte Frage, ob es denn überhaupt einen Sinn ergibt, Tatsachen zu bestreiten, die leicht zu verifizieren sind und stellen fest: „Aus logischer Sicht […] nicht, denn man kann nicht „alternative Fakten“ präsentieren, ohne dabei zu lügen oder sich zu irren. Tatsachen sind Tatsachen, sachliche Erklärungen sind entweder richtig oder falsch. Eine alternative Behauptung, die eine den Tatsachen entsprechende Aussage infrage stellt, ist schlicht eine falsche Behauptung.“ Trotzdem hat sich das Verbreiten von „alternativen Fakten“ in den letzten Jahren als äußerst erfolgreiche politische Strategie entpuppt. Aber wie kann das sein?

Eine mögliche Antwort darauf gibt der Vortrag „Wahrheit(en). Wissenschaftliche, religiöse und alternative Wahrheiten und ihr jeweiliger Handlungsbezug“ des Theologen Bernhard Laux. Darin heißt es beispielsweise: „Anders als in der Wissenschaft, bei der das […] Handeln der Wahrheitserkenntnis folgt und darauf beruht, […] ist bei den alternativen Fakten oder Wahrheiten das Handeln vorgängig und primär. Es geht um eine bestimmte Praxis, die angestrebt bzw. abgelehnt wird.“

In ihrem Programm zur Bundestagswahl behauptet eine im Deutschen Bundestag vertretene Partei, die Frage nach dem Anteil des Menschen am Klimawandel sei wissenschaftlich ungeklärt. Ein Musterbeispiel für den Topos der „alternativen Fakten“. Wahr ist: Nur menschengemachte Emissionen von Treibhausgasen, etwa aus der Verbrennung fossiler Energieträger, können den derzeitigen Klimawandel erklären – zu diesem Ergebnis kommt unter anderem die Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren. Die perfide Strategie lautet: „Die aus dem Klimawandel und seinen Folgen sich ergebenden Handlungsveränderungen werden nicht gewollt. Damit dieses Handlungsinteresse nicht völlig irrational erscheint, muss der wissenschaftliche Erkenntnisstand zum Klimawandel, seinen Ursachen und Folgen infrage gestellt werden. Die Wirklichkeit muss dem Handlungsinteresse gefügig gemacht werden.“ (Laux, ebda.)

Ein Stück, das sich mit den Folgen der Klimakrise beschäftigt, ist die Tanztheater-Produktion „Storm“, zu erleben am Samstag, den 13. März 2027, um 20:00 Uhr auf Bühne 1. Der Fokus liegt hier auf dem Schicksal der Inseln Culatra und Armona an der Küste der Algarve. Der Choreograf Daniel Cardoso übersetzt die Musik Armando Motas in eine mutige Bewegungssprache, präsentiert von seiner Quorum Dance Company.

Auch Vertreterinnen und Vertreter unseres Rechtssystems nehmen es mit der Wahrheit oftmals nicht so genau. Was zunächst paradox klingt, macht aber durchaus Sinn, wenn wir Gerichtsverhandlungen als Prozesse betrachten, die eigenen Regeln und Logiken folgen und sich deutlich von alltäglicher Kommunikation unterscheiden. Plötzlich werden Taktiken wie das Zurückhalten von Informationen oder gezieltes Lügen nicht mehr verurteilt, sondern als Mittel zum Zweck betrachtet. Als Beispiel sei hier eine Formulierung von Christian Schertz, seines Zeichens Anwalt von Christian Ulmen, genannt: Schertz kündigte im Frühjahr 2026, kurz nachdem das Magazin DER SPIEGEL die Vorwürfe von Ulmens Ex-Frau Collien Fernandes veröffentlichte hatte, an, rechtliche Schritte gegen die Berichterstattung einzuleiten, unter anderem wegen der Verbreitung „unwahrer Tatsachen“. Wenn wir jetzt allerdings den Duden bemühen, stellen wir fest, dass es sich bei einer Tatsache um einen wirklichen, gegebenen Umstand handelt, bei etwas Unwahrem hingegen um eine Sache, die nicht der Wahrheit entspricht. Wir haben es hier also mit einem klassischen Oxymoron zu tun… Diese Schlupflöcher des Rechtssystems beleuchtet die australisch-britische Dramatikerin und Anwältin Suzie Miller in ihrem Schauspiel „Prima Facie“, bei uns zu Gast in einer Inszenierung des Theater Hof am Dienstag, den 20. Oktober 2026, um 19:30 Uhr auf Bühne 2. Im Zentrum des Ein-Personen-Stücks steht die brillante Strafverteidigerin Tessa Ensler, die vorwiegend Angeklagte in Fällen sexueller Übergriffe vertritt. Selbstbewusst, ehrgeizig und überzeugt vom Rechtssystem weiß sie, wie man Zeugen und Opfer ins Wanken bringt. Doch als sie selbst nach einem Übergriff zur Klägerin wird, kehrt sich ihre Welt schlagartig um. Plötzlich steht sie auf der anderen Seite – und erlebt, wie kalt, verletzend und unnachgiebig das System sein kann, dem sie bislang vertraut hat…

Um eine andere Art des Missbrauchs, nämlich Machtmissbrauch, geht es in „Ellen Babić“ von Marius von Mayenburg: Astrid, Englischlehrerin, lebt zusammen mit Klara, ihrer deutlich jüngeren Lebensgefährtin – und ehemaligen Schülerin. Sie haben sich eingerichtet, sowohl in der gemeinsamen Wohnung als auch in einer gemeinsamen Erzählung über den Beginn ihrer Beziehung. Eines Abends kommt Astrids Vorgesetzter und Schulleiter Wolfram Balderkamp unerwartet zu Besuch. In „privater“ Atmosphäre soll schnell eine Sache besprochen werden: Auf der letzten Klassenfahrt soll es einen „Vorfall“ gegeben haben. Einen Vorfall zwischen Astrid und ihrer Schülerin. Ellen Babić. Auf einmal steht ein schwerer Vorwurf im Raum, der sowohl den Gründungsmythos von Astrids und Klaras Beziehung ins Wanken bringt – als auch alle als sicher geltenden Vorstellungen über das Verhältnis von Beruflichem und Privatem, Patriarchalem und Progressivem, Vergangenheit und Gegenwart. Am Ende ist nur eins gewiss: dass nichts gewiss ist, denn: „Wirklich passiert ist nur das, worauf sich alle einigen.“ Wir freuen uns sehr, mit „Ellen Babić“ endlich wieder einmal das renommierte BERLINER ENSEMBLE am Bayerischen Untermain begrüßen zu dürfen, und zwar am Samstag, den 30. Januar 2027, um 19:30 Uhr sowie am Sonntag, den 31. Januar 2027, um 18:00 Uhr.

Aber keine Sorge, das Thema „Wahrheit“ bietet natürlich auch ausreichend Stoff für Komödien, die in der Spielzeit 2026/2027 ebenfalls nicht zu kurz kommen. So zeigt das Neue Globe Theater Potsdam beispielsweise am Samstag, den 28. November 2026, um 19:30 Uhr den „Diener zweier Herren“. Die Neuinszenierung verlegt die Handlung ins Jahr 1973 nach Pforzheim, wo der klassische Diener Truffaldino nun als gewitzter Gastarbeiter Kemal auftritt. Auf der Suche nach Arbeit und Essen nimmt Kemal gleich zwei Jobs an – und das Chaos beginnt…

Wenn es um die Wahrheit geht, darf natürlich eine Art der zwischenmenschlichen Beziehung nicht fehlen: die Liebesbeziehung. Die Badische Landesbühne präsentiert mit „Die Wahrheit – Von den Vorteilen, sie zu verschweigen, und den Nachteilen, sie zu sagen“ am Donnerstag, den 4. Februar 2027, um 19:30 Uhr eine hinreißende, hinterhältige Komödie, die mit pointierten Dialogen und immer wieder überraschenden Wendungen aufwartet: Vincent hat seit sechs Monaten ein Verhältnis mit Alice, der Ehefrau seines besten Freundes Paul. Die bekommt jedoch zusehends Schuldgefühle, die immer neuen Lügen belasten sie. Dass sie ja nicht lüge, sondern nur nicht die Wahrheit sage, versucht Vincent Alice zu überzeugen. Ob er damit Erfolg hat? Als Paul den Verdacht äußert, dass Alice ihn betrügt, beginnt Vincent zu zweifeln. Hat Alice doch geplaudert? Und ahnt seine Frau Sophie etwas?

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