Dieses besondere Orchester aus unserem belgischen Nachbarland gehört zu den ganz großen Ensembles im Bereich der historischen Aufführungspraxis. Wie viele andere Orchester auch, hat es sich in den späten 1980er Jahren als lose Zusammenkunft freischaffender Musiker gegründet, die sich in demokratischen und selbstbestimmten Strukturen intensiv mit den selbst gewählten Programmen und vor allem ihrer historischen Intention und Entstehung auseinandersetzen. Dabei geht es um weit mehr als die Verwendung von Instrumenten, die nach historischen Vorbildern nachgebaut werden. Es geht um die Suche nach Authentizität in den Tempi, der musikalischen Gestaltung, der Größe und Platzierung des Orchesters und auch um eine Abkehr vom Dogma der Unfehlbarkeit des Dirigenten.
Seit vielen Jahren schon hat Anima Eterna Brugge die Spezialisierung auf einzelne Epochen der Musikgeschichte überwunden und das oben beschriebene Konzept auf weite Zeiträume ausgedehnt. Und so hören wir am 17. Oktober ein Programm mit Werken des beginnenden 20. Jahrhunderts und ausschließlich osteuropäischen Komponisten. Antonín Dvořák macht den Beginn – aufgrund seines Ideenreichtums im Bereich der Melodik wird er häufig mit Mozart verglichen. Auf ihn geht wesentlich die später von Kodály und Bartók konsequent fortgesetzte Beschäftigung mit der Volksmusik aus den ländlichen Regionen als den Wurzeln melodischen, rhythmischen, kompositorischen Schaffens zurück.
Béla Bartók ist für mich einer der wichtigsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Als Schlagzeuger kommt man nicht um sein zentrales Werk der Gattung Kammermusik, der Sonate für zwei Klaviere und Schlagzeug, herum. Für mich war die Aufführung dieses Werkes (das im Rahmen des Carillon & Percussion Festival im Juni auch im Stadttheater erklingen wird) in der Kölner Philharmonie und in meiner Abschlussprüfung an der Musikhochschule Mainz ein Quantensprung – sowohl am Instrument wie bei der Auseinandersetzung mit der Struktur des Werkes, die mit der Interpretation einherging.
Wie bei Johann Sebastians Bach liegen Bartóks Kompositionen strenge, ja mathematische Ordnungsprinzipien zugrunde. Diese beziehen sich bei Bartók auf Rhythmus, Form und sogar Melodik. Und dennoch ist bei Bartók – wie bei Bach – das Konstruktionsprinzip nicht Selbstzweck, sondern ein Mittel, um Struktur herzustellen und das Ziel eine beeindruckende Fülle von Melodien und Klängen zu erschaffen, die auch ohne Einblick in den „Unterbau“ nachhaltig beeindruckt und wirkt.
Die Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta wurde 1936 in Basel uraufgeführt und wurde – durchaus keine Selbstverständlichkeit in dieser Periode der Musikgeschichte – bereits bei der Uraufführung frenetisch beklatscht. Innerhalb eines Jahres folgten weltweit fast 50 Aufführungen (auch das ist eine Seltenheit!), unter anderem geleitet von Wilhelm Furtwängler und Ernst von Dohnányi.