Konzerte
Stadttheater Aschaffenburg
Weiterführende Informationen
Hier finden Sie sämtliche Informationen, die Sie bisher unseren gedruckten Programmheften entnehmen konnten. Auf diesem Weg erhalten Sie die Möglichkeit, bereits im Vorfeld des Konzerts auf die Einführungstexte sowie die Biografien der Künstlerinnen und Künstler zuzugreifen.
Programm
Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
Streichquartett d-Moll KV 421
Allegro moderato
Andante
Menuetto: Allegretto – Trio
Allegretto ma non troppo – Più allegro
Karol Szymanowski (1882-1937)
Streichquartett Nr. 2 op. 56
Moderato dolce e tranquillo
Vivace, scherzando
Lento
Béla Bartók (1881-1945)
Streichquartett Nr. 5 Sz 102
Allegro
Adagio molto
Scherzo: Alla bulgarese
Andante
Finale: Allegro vivace
Einführungstexte
Umstände zum Notendenken: Wolfgang Amadeus Mozarts Streichquartett KV 421
Im Sommer 1783 komponierte Wolfgang Amadeus Mozart sein Streichquartett d-Moll KV 421, das zweite Stück einer Sechser-Reihe, die er Joseph Haydn widmete. Die Handschrift ist zwar nicht datiert, doch Mozarts Witwe Constanze erklärte später, das Werk sei um die Zeit ihrer ersten Niederkunft entstanden – Raimund Leopold Mozart wurde am 17. Juni 1783 geboren. Dazu schreibt Constanzes zweiter Ehemann Georg Nikolaus Nissen: „Diese Umstände waren gewiss nicht zum Notendenken geeignet, da er nie am Klaviere komponierte, sondern die Noten zuvor schrieb und er in dem Zimmer arbeitete, wo seine Frau lag. So oft sie Leiden äußerte, lief er auf sie zu, um sie zu trösten und aufzuheitern; und wenn sie etwas beruhigt war, ging er wieder zu seinem Papier.“ Constanze selbst bestätigte dem englischen Verleger Vincent Novello, dass die Aufregung, die Mozart um sie gelitten habe, ja sogar ihre Schreie auf vielen Seiten des Quartetts zu entdecken seien.
Nun führen Versuche, den Charakter einer Komposition aus biographischen Umständen zu erklären, gerade bei Mozart meistens völlig in die Irre. In diesem Fall scheint allerdings der Zusammenhang, wenn nicht tatsächlich gegeben, dann doch gut erfunden. Denn das d-Moll-Quartett wird keineswegs vom Affekt melancholischer Trauer dominiert, der zu einer Geburt auch kaum passen würde. Es sind vielmehr heftiger Schmerz, Unruhe, innere Erregung, aber auch Momente des Trosts, die alle vier Sätze durchziehen. Im Hauptthema des eröffnenden „Allegro moderato“ beispielsweise schaffen große Intervalle wie der Oktavfall zu Beginn und der Dezimsprung im zweiten Takt eine große Ausdrucksintensität. Insistierende Tonwiederholungen, nervöse Triller und Seufzerfiguren sind weitere Bestandteile dieses Themas. Hinzu kommen ein stufenweise absteigender „Lamento-Bass“ des Cellos und starke dynamische Kontraste auf engem Raum.
Liedhaft gibt sich der zweite Satz, der als einziger in einer Durtonart (F-Dur) steht. Allerdings durchsetzen zahlreiche Pausen das Hauptthema, das dadurch einen stockenden, unsicheren Charakter erhält. Man könnte sich die Melodie ebenso gut ohne Pausen vorstellen – doch dann hätte sie eine ganz andere Wirkung. Der dritte Satz ist das Menuett, das angeblich während Constanzes Entbindung entstand. Das energisch punktierte Kopfmotiv mag heftigen Schmerz signalisieren, zumal auch hier wieder ein Lamento-Bass, nun sogar chromatisch geschärft, die Grundierung bildet. Das Thema des Finales ist eng mit dem des Menuetts verbunden; fast könnte man es als Variation dieser Melodie bezeichnen. Die eigentlichen Variationen folgen jedoch noch: Die erste bringt eine eher konventionelle Umspielung, die zweite raffiniert synkopierte Begleitfiguren der zweiten Violine. In der dritten Variation übernimmt die Bratsche das Thema, und die vierte wendet es nach D-Dur. Ein kurzes „Più allegro“ führt danach zurück nach Moll und zum überraschend abrupten Ende.
Geheimnisvoll und barbarisch: Karol Szymanowskis zweites Streichquartett
Karol Szymanowski war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der führende polnische Komponist – polnisch auch im Sinn einer national betonten Musik. Bis zu der modernen, und doch folkloristisch gefärbten Schreibweise seiner reifen Werke hatte er allerdings einen weiten Weg zurückzulegen. In seiner Entwicklung ging Szymanowski von der deutschen Spätromantik sowie von Chopin und Skrjabin aus. Das polnische Musikleben, damals im europäischen Vergleich eher rückständig, konnte ihm kaum Förderung oder auch nur Anregung bieten, und so verbrachte er ab 1906 viel Zeit in den Zentren Berlin und Wien. 1910 siedelte er in die österreichische Hauptstadt über, wo er neue Werke von Komponisten wie Schönberg, Debussy, Ravel oder Strawinsky kennen lernte. Reisen nach Italien und Nordafrika brachten weitere wichtige Eindrücke.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde Polen 1919 als selbständiger Staat neu gegründet – das Territorium des Landes hatten sich ja im späten 18. Jahrhundert Preußen, Russland und Österreich angeeignet. 1919 war auch das Jahr, in dem sich Szymanowski in Warschau niederließ. Wenig später begann er, inspiriert „von einer fanatischen Begeisterung für die Idee Polens“, Volksmusik in seine Werke zu integrieren. Vor allem die Musik der Goralen aus der Gegend von Zakopane in der Hohen Tatra faszinierte ihn. 1927 wurde Szymanowski zum Direktor des Warschauer Konservatoriums ernannt, und im gleichen Jahr entstand sein zweites Streichquartett. Bereits 1929, im Uraufführungsjahr des Werks, gab er nach endlosen Reibereien mit konservativeren Kollegen die Position am Konservatorium wieder auf.
Im ersten Satz des Quartetts sind „nationale“ Einflüsse noch kaum zu spüren. Die schwebende, schwer zu deutende Harmonik lässt eher an Szymanowskis frühere „impressionistische Periode“ denken, ebenso der geheimnisvolle Klang der mit Dämpfer zu spielenden Passagen. Zum ruhigen, zarten Grundton dieser Eröffnung steht die Ausdruckswelt des Mittelsatzes in heftigem Kontrast. „Barbarische“ ostinate (hartnäckig wiederholte) Rhythmen und schroffe Klänge, teils gezupft oder „sul ponticello“ (am Steg) gespielt, prägen dieses „Vivace scherzando“, das Züge von Scherzo und Variationenfolge verbindet. Während im Mittelsatz nur einzelne Motive oder Melodieabschnitte aus der Volksmusik abgeleitet scheinen, arbeitet der Schlusssatz mit zwei Fugenthemen, die sich als Goralen-Melodien identifizieren lassen. Das erste ist gleich zu Beginn zu hören; es gewinnt durch allmähliche Beschleunigung an Intensität. Das zweite Thema setzt nach etwa zwei Dritteln des Satzes über einem Orgelpunkt (einem Triller auf dem Ton E) ein. Es wird ebenfalls zunächst als Fuge verarbeitet und einer groß angelegten Steigerung unterworfen.
Sinn für Symmetrie, Vorliebe für Volksmusik: Béla Bartóks fünftes Streichquartett
Sechs Streichquartette, so viele wie Mozart und seine Zeitgenossen in einer typischen Serien-Ausgabe, schrieb Béla Bartók insgesamt in seinem Leben. Das Quartett Nr. 5 komponierte er in der ungewöhnlich kurzen Zeit zwischen dem 6. August und dem 6. September 1934. Da die amerikanische Kammermusik-Mäzenin Elizabeth Sprague Coolidge es in Auftrag gegeben hatte, wurde es in Washington uraufgeführt – am 8. April 1935 durch das Wiener Kolisch-Quartett. Im Vergleich zu den beiden vorangegangenen Werken wirkt das fünfte, das längste unter Bartóks Quartetten, wieder ein wenig zugänglicher, näher an traditionellen tonalen Vorstellungen, attraktiv auch durch die große Bandbreite musikalischer Charaktere und die wohlproportionierte Anlage. Wie das vierte Quartett ist das fünfte in einer fünfsätzigen „Bogenform“ angelegt: Der dritte Satz, ein Scherzo mit Trio-Mittelabschnitt, liegt im Zentrum, um das die langsamen Sätze Nr. 2 und 4 eine innere Schicht, die schnellen Sätze Nr. 1 und 5 eine äußere bilden. Die Sätze jeder Schicht sind außer durch ihr Tempo auch durch ähnliche Formen und verwandtes Material aufeinander bezogen.
Bartóks ausgeprägter Sinn für Symmetrie macht sich jedoch nicht nur in der Großform, sondern ebenso innerhalb der Sätze bemerkbar. So ist der Kopfsatz in Sonatenform gestaltet, jedoch mit einer Besonderheit: Die drei Themen, die in der Exposition vorgestellt und in der Durchführung verarbeitet werden, erscheinen in der Reprise in umgekehrter Reihenfolge. Und zudem in melodischer Umkehrung: Aufwärts gerichtete Tonsprünge wenden sich jetzt nach unten, abwärts geführte nach oben. Die drei Themen sind relativ leicht zu erkennen: Das erste entwickelt sich gleich zu Beginn aus rhythmisch hämmernden Tonwiederholungen; es wird dann im Kanon vorgetragen. Das zweite Thema ist ebenso energisch rhythmisiert, beruht aber auf größeren Intervallen. Erst das dritte, das mit einer aufsteigenden chromatischen Linie beginnt, bietet einen lyrischen Kontrast.
Zögernd, mit ätherischen Trillern und Motivfragmenten, beginnt der langsame zweite Satz. Aus diesen Anfängen entwickeln sich bald Dreiklangsharmonien der drei unteren Instrumente, melodisch kommentiert von der ersten Geige. Leises Tremolo (zitternde Bogenführung) und gezupfte Klänge leiten den unruhigeren Mittelteil ein; er steigert sich zu einem ausdrucksvollen Gesang der ersten Violine. Dann kommt es zu einer konzentrierten Wiederaufnahme des ersten Teils und der Triller-Einleitung. Den Mittelsatz, das Scherzo, überschrieb Bartók mit den Worten „Alla bulgarese“ – auf bulgarische Art. Damit ist weniger die Melodik gemeint, die eher ungarische Folklore aufgreift, als der Rhythmus. Bulgarische Volksmusik zeichnet sich vielfach durch ungerade, komplexe Taktarten aus. In Bartóks Scherzo-Hauptteil sind das Gruppen von neun Achteln, untergliedert in 4+2+3, im Trioabschnitt (mit gedämpftem Violin-Murmeln und Bratschenmelodie) zehn Achtel, aufgeteilt in 3+2+2+3. Wegen des schnellen Tempos sind diese Rhythmen allerdings nicht ganz leicht mitzuzählen.
Ähnlich tastend und fragmentarisch wie der zweite Satz beginnt auch der vierte. Anstelle der Triller (die wenig später hinzutreten) stehen hier gezupfte Klänge, oft gefolgt von einem Glissando (Rutschen des Fingers auf der Saite). Auch die choralartigen Harmonien des zweiten Satzes tauchen wieder auf, zuerst verfremdet durch gepressten Tremoloklang, später deutlicher. Bartók selbst bezeichnete den vierten Satz als freie Variation des zweiten. Analog könnte man das Finale als Abwandlung des Kopfsatzes verstehen. Es wird eingeleitet durch ein kurzes „Allegro vivace“, das sich auf die Coda des Eröffnungssatzes bezieht. Dann folgt ein Rondo im Presto-Tempo, dessen wiederkehrende Teile Perpetuum-mobile-Charakter haben; dramatische und komische Episoden sind eingestreut. Besonders bemerkenswert ist eine kurze Passage gegen Ende, die an eine verstimmte Drehorgel denken lässt: Die zweite Geige spielt über klassischen „Alberti-Bässen“ eine banale A-Dur-Melodie. Dann wiederholt sich die Melodie bei gleichbleibender Begleitung einen Halbton höher, was zu grotesk „falschen“ Zusammenklängen führt. Und schließlich wird die Episode, die wie ein Fremdkörper wirkt, von den Quartettspielern „con slancio“ (mit Schwung) beiseitegeschoben.
Künstlerportrait
Omer Bouchez, Violine
Elise Liu, Violine
Manuel Vioque-Judde, Viola
Yan Levionnois, Cello
Das Quatuor Hermès, in Anlehnung an den berühmten Boten aus der griechischen Mythologie, bezieht seine musikalische Stärke aus seiner Rolle als Brücke zwischen dem Text des Komponisten und der Sensibilität des Publikums. Gegründet hat sich das Ensemble 2008 in Lyon, beim Studium mit Mitgliedern des Ravel Quartetts. Viele prägende Begegnungen waren auf dem weiteren Weg entscheidend, etwa mit dem Ysaÿe und dem Artemis Quartett oder Eberhardt Feltz in Berlin. Später wurde auch Alfred Brendel eine unschätzbare Quelle der Inspiration, mit ihm gab es regelmäßige Zusammenarbeit. Offen für alle Repertoires teilten sie die Bühne mit namhaften Musikern wie Yo-Yo Ma, Nicholas Angelich, Kit Armstrong, Gregor Sigl, Pavel Kolesnikov, Kim Kashkashian, Anne Gastinel oder auch den Quartetten Auryn und Ébène.
Als Gewinner zahlreicher erster Preise, insbesondere beim Genfer Wettbewerb und bei den Young Concert Artists Auditions in New York, ist das Quatuor Hermès seit 2019 mit der Singer-Polignac-Stiftung in Paris verbunden. Von 2012 bis 2016 war es ‚Quartett in Residenz‘ der Queen Elisabeth Chapel in Brüssel.
Beim CD Label La Dolce Volta erschienen die Einspielung der Schumann Quartette sowie ein Ravel, Debussy und Dutilleux gewidmetes Album. Beide Publikationen wurden mehrfach von der Presse ausgezeichnet. Die jüngste Aufnahme mit Quartetten von Franz Schubert gewann den CHOC des Classica-Magazins und wurde im Bayerischen Rundfunk zum „Album der Woche“ gekürt. Seit 2018 hat das Quartett seinen musikalischen Horizont erweitert und spielt mit dem Akkordeonisten Félicien Brut und dem Kontrabassisten Édouard Macarez als „Le Pari des Bretelles“. Sie veröffentlichten 2019 ihre erste CD für Mirare.
In Deutschland war und ist das Quatuor Hermès zu Gast in Veranstaltungsstätten wie dem Pierre Boulez Saal in Berlin, der Elbphilharmonie Hamburg, Prinzregententheater München, Liederhalle Stuttgart, Beethovenhaus Bonn oder der Alten Oper Frankfurt; internationale Bühnen sind die Carnegie Hall in New York, die Verbotene Stadt in Peking oder die Wigmore Hall in London. Das Quartett ist außerdem bei großen Festivals wie den Folles Journées de Nantes und Tokyo, dem Radio France Festival in Montpellier, Mantova Chamber Music Festival, Deauville, La Roque d’Anthéron, Cheltenham Music Festival, Printemps des Alizés in Marokko und beim Wonderfeel-Festival in Holland aufgetreten. Die Anwesenheit bei nationalen Festivals wie dem Heidelberger Frühling, Mozartfest Würzburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein sind ebenfalls Standard.
Programm
Antonín Dvořák (1841-1904)
Aus „Cypřiše“ (Zypressen) für Streichquartett (Fassung für Streichorchester: Josef Suk)
Nr. 3 V té sladké moci ocí tvých (Dein Lächeln hält im Leben mich). Andante con moto
Nr. 6 Ó zlatá ruže, spanilá (Du, Rose, stehst in Herrlichkeit). Andante moderato
Nr. 7 Kol domu se ted potácím (Hier hast du, Liebchen, einst gewohnt). Andante con moto
Nr. 11 Nad krajem vévodi lehký spánek (Rings die Natur nun im Schlummer und Träumen). Allegro scherzando
Leoš Janáček (1854-1928)
Concertino für Klavier, Klarinette, Fagott, Horn, zwei Violinen und Viola
Moderato
Più mosso
Con moto
Allegro
Vitĕzslava Kaprálová (1915-1940)
Partita für Klavier und Streichorchester op. 20
I. Allegro energico
II. Andantino
III. Presto (scherzando)
Béla Bartók (1881-1945)
Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta Sz. 106
Andante tranquillo
Allegro
Adagio
Allegro molto
Einführungstexte
Unglückliche Liebe und leidenschaftliche Sachlichkeit
„Denken Sie sich einen Jungen, der verliebt ist – das ist der Inhalt.“ Diese Erklärung, die Antonín Dvořák 1888 seinem Verleger Fritz Simrock gab, bezieht sich auf die acht „Liebeslieder“ op. 83, doch sie trifft genauso auf die Streichquartettstücke der „Zypressen“ zu. Denn beide Werke gehen auf einen Liederzyklus zurück, den Dvořák schon im Juli 1865 komponiert hatte. Er war damals 23 Jahre alt und verliebt in seine 16-jährige Klavierschülerin Josefina Čermáková (deren Schwester Anna später seine Frau werden sollte). Ob er von ihr zurückgewiesen wurde oder sich gar nicht erklärte, ist unbekannt – jedenfalls sprach ihn Gustav Pfleger-Moravskýs Gedichtsammlung „Cypřiše“ (Zypressen), in der es um die Träume, Zweifel und Enttäuschungen eines unglücklich Liebenden geht, stark an. Er schrieb sich sein Leid von der Seele, indem er die 18 Gedichte in rascher Folge, etwa eines pro Tag, vertonte. Auf eine Veröffentlichung verzichtete Dvořák zunächst, doch schon 1870 zitierte er zwei der Liedmelodien in seinem Klavierzyklus „Silhouetten“. Eine andere ließ er in seine Opern „König und Köhler“ (1871) und „Vanda“ (1875) einfließen. Bearbeitete Stücke aus „Zypressen“ sind auch die „Vier Lieder“ op. 2 (1882). 1887/88 schließlich wählte Dvořák für eine Streichquartettversion 12 der 18 Lieder aus. Die Mittelstimmen sind in dieser Fassung naturgemäß selbständiger gestaltet als in der originalen Klavierbegleitung, und die ursprünglich meist dreiteilige Liedform nähert sich nun durch variierte Wiederholungen instrumentalen Formmodellen an. Dennoch bleiben die vokalen Ursprünge erkennbar: Stets hat ein Instrument die Melodie, während die anderen begleiten.
Leoš Janáček hatte eine Vorliebe für seltsame Klangkombinationen. Davon zeugt unter anderem das Concertino für Klavier, Klarinette, Fagott, Horn, zwei Violinen und Viola aus dem Jahr 1925. Diese Instrumente setzte der Tscheche auch noch sehr eigenwillig ein: Der erste Satz ist ein reines Duo zwischen Klavier und Horn. Der zweite stellt dem Klavier alleine die schrille Es-Klarinette gegenüber, und erst in den letzten fünf Takten treten die übrigen Instrumente hinzu. In den beiden letzten Sätzen ist schließlich das komplette Ensemble zu hören. Verständlicher wird diese Instrumentierung anhand einiger Programmnotizen, die Janáček 1927 der Zeitschrift „Pult und Taktstock“ zur Verfügung stellte. Sie beziehen sich auf Naturerlebnisse in seiner Jugend: „1. Satz: Im Frühling war es, da versperrten wir einmal dem Igel den Zugang zu seinem Bau in der Linde. Weich gepolstert hatte er sein Nest in dem alten Baum. Wie zornig er war! Konnte sich gar nicht fassen; deshalb beharrt auch mein Waldhorn auf seinem verdrießlichen Motiv. […] Hätte sich unser Igel auf die Hinterbeine stellen und ein Klagelied anstimmen sollen? Kaum steckte er die Schnauze vor, musste er sie wieder einziehen. 2. Satz: Geschwätzig war das Eichhörnchen, solange es in den Wipfeln von Baum zu Baum sprang. Dann knurrte es im Käfig wie meine Klarinette, drehte sich aber und tanzte den Kindern zum Spaß. 3. Satz: Anmaßend stierten die weit aufgerissenen Augen des Käuzchens, der Eule und des übrigen kritischen Nachtvölkchens in die Saiten des Klaviers. Im 4. Satz scheint alles um einen Groschen zu zanken wie im Märchen. Und das Klavier? Jemand muss doch alles ordnen …“
Ein Schüler Janáčeks war zwischen 1907 und 1910 Václav Kaprál, der Vater der bedeutenden tschechischen Musikerin Vitĕzslava Kaprálová. Früh gefördert von ihm und ihrer Mutter, einer ausgebildeten Gesangslehrerin, begann Vitĕzslava bereits mit 15 Jahren ihr Kompositions- und Dirigierstudium am Konservatorium ihrer Heimatstadt Brünn. Sie setzte ihre Ausbildung ab 1935 in Prag fort und zog 1937 mit einem Stipendium der französischen Regierung nach Paris, wo Charles Munch ihr Dirigierlehrer wurde. Von dem in Frankreich lebenden tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů erhielt sie Privatunterricht, der aber eher den Charakter eines Austauschs hatte. Tiefergehende Einflüsse Martinůs sind in ihren Werken kaum zu entdecken – ausgenommen nur die Partita für Klavier und Streichorchester, in der sie offenbar bewusst den Stil des älteren Komponisten imitierte. Die neobarocke Partita war das letzte Orchesterwerk, das Kaprálová vor ihrem frühen Tod im Jahr 1940 (möglicherweise an Tuberkulose) vollenden konnte. Sie beschäftigte die Komponistin mehr als ein Jahr lang, von März 1938 bis Juni 1939. 1941 wurde sie in Brünn uraufgeführt. Das dreisätzige Werk beginnt mit einem stark rhythmisch geprägten Allegro energico. Darin übernimmt das Klavier mit unregelmäßig gesetzten Akzenten vor allem perkussive Aufgaben. In starkem Kontrast zum eher dissonanten Allegro steht das lyrisch weiche, wohlklingende Andantino. Das abschließende Presto (scherzando) führt zurück zum motorischen Charakter des Beginns. Es enthält jedoch auch einen ruhigeren Mittelteil und eine kleine Klavierkadenz.
„Bartóks Genauigkeit war erstaunlich“, erinnerte sich der Dirigent Paul Sacher. „Seine leidenschaftliche Sachlichkeit durchdrang alles. Er war selber bis ins Letzte klar und forderte von jedem das Äußerste an differenzierter Präzision.“ Béla Bartóks Präzision schlug sich im Fall der von Sacher 1936 bestellten „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ bereits in der exakten Besetzungsangabe des Titels nieder. Die Partitur nennt zudem sekundengenau die vorgesehenen Spieldauern der einzelnen Sätze. Sehr systematisch, als Fuge, ist der Kopfsatz komponiert: Das chromatische Thema geht zuerst vom Ton A aus. Danach beginnt jeder geradzahlige Themeneinsatz eine Quint höher, jeder ungeradzahlige eine Quint tiefer als der erste, und am entferntesten Punkt des Quintenzirkels (dem Es oder Dis) treffen sich die beiden Stränge wieder. Der Rest des Satzes leitet wieder zurück zum Ausgangspunkt – allerdings mit dem Thema in Umkehrung. Erstaunlicherweise klingt die derart rational konstruierte Musik keineswegs nüchtern oder abstrakt. Der klagende Gestus des Themas, die dynamische Steigerung und die raffinierte Instrumentierung erzeugen vielmehr Wirkungen von großem sinnlichem Reiz. Weitere Beispiele für Bartóks „leidenschaftliche Sachlichkeit“ bieten die übrigen Sätze: Der schnelle zweite spielt die beiden Teilorchester gegeneinander aus und arbeitet mit ständig wechselnden Taktarten und Spieltechniken. Das Adagio, eine unheimliche Nachtmusik, folgt der streng symmetrischen Form ABCBA. Unregelmäßige bulgarische Rhythmen und archaische, durch Bartóks Volksmusikforschung inspirierte Tonskalen prägen das Finale; seine kontrastierenden Abschnitte sind wie Szenen eines Films aneinander montiert.
Künstlerportrait
Das international renommierte Orchester Anima Eterna Brugge ist ein Pionier der historisch informierten Aufführungspraxis. Seit fast vier Jahrzehnten erforscht der Klangkörper, wie historische Instrumente, Quellen und Aufführungspraktiken die Art und Weise verändern können, wie wir Musik hören und erleben.
Heute setzt Anima Eterna diese Tradition mit einer neuen Generation von Musikern und künstlerischen Partnern fort. Seine Arbeit verbindet präzise historische Forschung mit Neugier, Experimentierfreude und einem starken Bekenntnis zum künstlerischen Ausdruck. Für die Künstlerinnen und Künstler handelt es sich bei der historisch informierten Aufführungspraxis nicht um einen festgelegten Stil, sondern um eine kontinuierliche Bewegung: Jedes Projekt bietet die Gelegenheit, Annahmen zu hinterfragen, neue Perspektiven zu berücksichtigen und bekanntes Repertoire wieder zum Leben zu erwecken.
Von groß angelegten symphonischen Produktionen über Kammermusikprojekte bis hin zu interdisziplinären Experimenten schafft Anima Eterna Aufführungen, in denen Geschichte eine Quelle der Inspiration für die Gegenwart wird und das Unerwartete Teil des Erlebnisses bleibt.
Der Pianist Wataru Hisasue hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, zuletzt unter anderem den zweiten Preis beim Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel 2025 sowie zwei von der Jury verliehene Sonderpreise (den Liszt-Bartók-Preis und den Beethoven-Preis des G. Henle Verlags) beim Concours Géza Anda 2024. Weitere Preise erhielt er beispielsweise beim Internationalen Musikwettbewerb der ARD 2017 oder dem Felix Mendelssohn Bartholdy Hochschulwettbewerb.
Hisasues Konzerttätigkeit umfasst Länder wie Deutschland, Frankreich, Spanien, Finnland, die Schweiz, Belgien, die Niederlande, Japan und Korea. Er wurde zu renommierten Festivals eingeladen, darunter die Audi Sommerkonzerte, die Schwetzinger SWR Festspiele, das Festival de Torroella de Montgrí und das Festival Première rencontre autour du Piano in Guadeloupe.
Als Solist trat Hisasue mit solch namhaften Orchestern wie dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, dem Antwerpener Symphonieorchester, dem Belgischen Nationalorchester, den Brüsseler Philharmonikern oder dem Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra auf.
Der Grundstein seiner musikalischen Ausbildung wurde in Japan von Kuniko Murakami und Yasuko Tasumi gelegt. Darüber hinaus prägten ihn Gilead Mishory an der Hochschule für Musik Freiburg, Emmanuel Strosser am Conservatoire National Supérieur de Musique et de Danse de Paris sowie Pascal Devoyon und Klaus Hellwig an der Universität der Künste Berlin.