Wir hatten eine intensive Diskussion darüber, wie wir dieses Stück innerhalb unserer Sparten einsortieren sollen – es wird in Musical-Foren gefeiert, von etlichen Sprechtheater-Ensembles interpretiert, konzertant-kabarettistisch gegeben. Ein Musical? Ein Schauspiel mit Musik? Wir haben das Etikett „Grenzgänge“ gewählt, aber entscheiden Sie bitte selbst!

Als ich das Stück 2017 im Staatstheater Wiesbaden im Rahmen der Maifestspiele das erste Mal sah, hat es mich überwältigt. Die schwarze Pädagogik des Hoffmannschen „Struwwelpeter“ ist ja für sich schon eine Herausforderung. Erstaunlich, wie präzise der Kinderarzt und Mitbegründer der Jugendpsychiatrie Krankheitsbilder beschreibt, die heute allgemein bekannt sind und auch Namen haben: Epilepsie, Anorexie, Pyromanie, ADHS und viele mehr gab es schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts, sind also keine Auswüchse unserer modernen Gesellschaft. Leider kein Platz für „früher war alles besser“ an dieser Stelle…

„Shockheaded Peter“ liest den Kinderbuchklassiker in allerschwärzestem britischem Humor, taucht ihn in Musik, die zwischen Vaudeville, Singer-Songwriter, Punk und Pop oszilliert. Das Stück schreit, protestiert, es provoziert, es schreckt auf – und es strapaziert die Lachmuskeln auf das Allerhärteste – so wie es Kinder und Jugendliche eben tun. Das entspricht ihrem Jobprofil! Ein herrlicher Abend – nicht nur für Erzieher, Lehrer, Eltern und Großeltern, sondern auch für alle anderen, die jungen Menschen begegnen. Und wer tut das nicht?